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Newsletter vom 18. Oktober 2026

Durch den Abbruch gescheiterter Experimente kann die Volksschule stark entlastet werden

Durch den Abbruch gescheiterter Experimente kann die Volksschule stark entlastet werden

Nach den beiden verlorenen Abstimmungen in den Kantonen Bern und Zürich über eine Aufwertung der pädagogischen Arbeit sprechen grosse Lehrerverbände von einem Scherbenhaufen. Vertreter aus den Verbandsspitzen zeigten sich enttäuscht, dass es ihnen nicht gelungen war, die Bevölkerung von der zunehmenden Belastung der Lehrpersonen zu überzeugen. In ihrer Enttäuschung sprachen sie davon, beliebte pädagogischen Angebote wie beispielsweise Klassenlager zu streichen und die Elternkontakte nach Bürozeiten zu regeln. Was nach einem Affront gegenüber der Bevölkerung aussah und empörte Reaktionen auslöste, war im Grunde genommen ein hilfloser Protest einer Lehrerschaft, die es nicht gewagt hatte, eine radikale Entrümpelung der Schule vom Ballast gescheiterter Reformen zu verlangen. Diese Unterlassung rächte sich bitter, indem im Verlauf des Abstimmungskampfs die Belastung der Klassenlehrpersonen zugunsten der Lohnfrage in den Hintergrund rückte. Damit war der Ausgang der Abstimmung so gut wie entschieden.

Kritik an den Lehrerverbänden und den Pädagogischen Hochschulen

Doch für die Pädagogik ist der klare Volksentscheid keine Katastrophe. Vielmehr haben die jüngsten Diskussionen um den Auftrag der Schule und den Stellenwert der Klassenlehrpersonen gezeigt, dass einiges im Schulbetrieb nicht mehr stimmt. Was erfahrene Lehrpersonen und schulnahe Bildungspolitiker schon länger kritisierten, verdichtet sich immer mehr. Kantonsrat Marc Bourgeois skizziert in einem aufschlussreichen Tagi-Interview, wie er mit den vorhandenen finanziellen Mitteln die Schule entlasten möchte.

Die eindrücklichsten Reaktionen kommen aber aus reformkritischen Lehrerkreisen, in denen nicht lange um den Brei herumgeredet wird. Das zögerliche Verhalten der Lehrerorganisationen gegenüber einem Abbruch gescheiterter Reformen und das Verbarrikadieren der Pädagogischen Hochschulen in ihrem Elfenbeinturm werden scharf kritisiert. Man merkt schon nach wenigen Sätzen, dass hinter den treffenden Kommentaren Lehrerinnen und Lehrer mit viel Schulerfahrung stehen.

Klares Ja zur Führungsaufgabe von Lehrkräften

In allen Texten kommt deutlich zum Ausdruck, wie prägend die Lehrerrolle für den Schulerfolg ist. Diese bleibt eine verantwortungsvolle und vielschichtige Führungsaufgabe. Sie umfasst liberale Vorstellungen vom Vertrauen in den kindlichen Lernwillen, sie übernimmt von konservativen Weltbildern einen starken Leistungswillen und sie weiss um die Bedeutung christlich-humanistischer Wertvorstellungen. Da eine innere Reform der Schule auch eine Auseinandersetzung um Menschenbilder und Erziehungsstile werden dürfte, besteht die Chance, dass sich die Bildungspolitik wieder den wesentlichen pädagogischen Fragen zuwenden und den technokratischen Machbarkeitswahn des Lehrplans begrenzen kann.

Erfüllung von Wunschvorstellungen oder Konzentration aufs Wesentliche?

Diskussionsbedarf über den Zustand der Volksschule gab es auch beim Schweizer Fernsehen. In der Sendung «Standpunkte» stritten Vertreterinnen und Vertreter in einem lebhaften Gespräch über unterschiedliche pädagogische Ausrichtungen. Soll die Schule das individuelle Lernen mit angepassten Lernzielen für jedes einzelne Kinder ausbauen oder hat sie in erster Linie einen Leistungsauftrag für eine solide Grundbildung der grossen Mehrheit der Schüler? Von Markus Somm wurde die heutige «Wohlfühlschule» scharf kritisiert und Sekundarlehrer Philipp Loretz machte die Pädagogischen Hochschulen für ineffiziente Lernmethoden mitverantwortlich.

Die Präsidentin des ZLV betonte, dass es die heutige Gesellschaft sei, welche von den Lehrpersonen Empathie und individuelle Förderung für jedes Kind erwarte. Diesen Auftrag wolle man unbedingt erfüllen. Die Gegenseite argumentierte, dass man mit dieser Übersteigerung der Ansprüche die Schule hoffnungslos überfordere. Das Resultat dieses gescheiterten Konzepts seien stetig sinkende Leistungen in den Hauptfächern. Die Schule müsse zurück zu ihrem Kernauftrag und sich von unrealistischen Wunschprogrammen wie dem Frühfranzösisch und der Totalintegration befreien. Die Vertreterin der Pädagogischen Hochschulen jedoch zeigte sich unbelehrbar. Sie forderte weitere Analysen über den Schulzustand und liess keinerlei Bereitschaft erkennen, dass gescheiterte Reformen abzubrechen seien.

Das selbstorganisierte Lernen erhält kaum einmal gute Noten

Leider konnten in der Sendung nicht alle grossen Themen angesprochen werden. Gern hätte man mehr über die Positionen der Diskussionsteilnehmer zum selbstorganisierten Lernen erfahren. Dieses aufwändige didaktische Konzept wirft zurzeit ja ziemlich hohe Wellen, da mancherorts mit viel ideologischem Eifer kostspielige SOL-Schulmodelle trotz erheblicher Bedenken eingeführt werden. Doch Leserbriefschreiber haben diese Frage längst aufgegriffen und beantwortet. Für sie liegt es auf der Hand, dass eine Klassenlehrerin weit mehr Lernerfolg hat, wenn sie ihre Klasse wie eine umsichtige Orchesterdirigentin mit fairer Strenge führt und nicht wie ein netter Coach die Schüler nur individuell begleitet.

Frühfranzösisch als gescheitertes Experiment auf dem Buckel der Schüler

Mit der Einmischung von Frau Bundesrätin Baume-Schneider in den Sprachenstreit der Primarschule ist die Diskussion ums Frühfranzösisch und das überladene Mehrsprachenkonzept wieder voll aufgeflammt. In Lehrerkreisen ist man sich weitgehend einig, dass auf dem Buckel einer Mehrheit der Primarschüler ein völlig untaugliches didaktisches Experiment durchgeführt wurde. Zwei Drittel der Schüler sind mit der Zersplitterung der Bildungsziele auf drei Sprachen hoffnungslos überfordert. Statt primär richtig Deutsch zu lernen und in einer Fremdsprache erste Erfahrungen zu sammeln, werden die Schüler mit einer Unmenge an sprachlichem Schulstoff eingedeckt. Das fördert die Freude am Sprachenlernen in keiner Weise.

Das Mehrsprachenkonzept wird zum Streitfall zwischen Bund und Kantonen

Aufwand und Ertrag beim Frühfranzösisch stimmen überhaupt nicht überein. Es braucht einen sehr hohen zeitlichen Aufwand in der Lehrerbildung, damit die Studierenden die nötige Kompetenz für einen guten Fremdsprachenunterricht erreichen. Als Folge dieses aufwändigen Bildungsprogramms fehlt die Zeit für eine gründliche Ausbildung in anderen wichtigen Fächern. Im Unterricht der Mittelstufe kommen vor allem Deutsch und die Realienfächer zu kurz, was sich leistungsmässig spürbar auswirkt.

Die ernüchternde Bilanz des frühen Mehrsprachenunterrichts spiegelt sich in sehr kritischen Presseberichten und deutlichen Kommentaren. Gar kein Verständnis findet das absurde Argument von der staatspolitischen Bedeutung des Frühfranzösisch für den Zusammenhalt der Schweiz. Wäre es der Politik ernst mit dieser Sorge, müsste man vielmehr das ungenügende Basiswissen unserer Schulabgänger in moderner Schweizer Geschichte kritisieren. Übereinstimmend wird festgestellt, dass beim Frühfranzösisch dringender Handlungsbedarf besteht und die Kantone diese Frage ohne Einmischung des Bundes selber regeln müssten. Man darf gespannt sein auf die im November erwarteten Resultate der bundesrätlichen Vernehmlassung zum Mehrsprachenkonzept.

Ein Aufruf für eine faire Streitkultur und ein wichtiger Veranstaltungshinweis

Bei allem streitbaren Einsatz für eine gute Volksschule erinnert Carl Bossard in seinem Beitrag über den politischen Sprachstil, dass manche Wörter einen stark wertenden Gehalt besitzen. Der Autor mahnt zu Recht, dass mit einer missbrauchten Macht der Sprache ein fairer politischer Diskurs blockiert werden kann. So sind Begriffe wie «Aussortieren» oder «Selektieren» keine neutralen Etiketten, die man Wörtern anhängt, um einen Abteilungswechsel in der Sekundarschule zu beschreiben. Carl Bossards Text ist ein Aufruf für eine faire politische Streitkultur und enthält letztlich eine sehr versöhnliche Botschaft.

Zum Schluss möchten wir Sie noch auf unsere Veranstaltung in Zürich zum Thema Frühförderung im Kindergarten aufmerksam machen. Eine erfahrene Kindergärtnerin berichtet von ihren Erfahrungen und Einsichten zu dieser herausfordernden Aufgabe. Wie immer ist nach dem Referat Gelegenheit für offene Diskussionen. Es freut uns sehr, wenn Sie den 6. November bereits in Ihrer Agenda eintragen.

Hanspeter Amstutz