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Newsletter vom 4. Oktober 2026

Unsere Volksschule vom Kopf auf die Füsse stellen!

Unsere Volksschule vom Kopf auf die Füsse stellen!

Vom Kindergarten bis zu den Lehrbetrieben wird Alarm geschlagen, die meisten Leute im Schul- und Betriebsalltag sind sich einig: Die Volksschule muss dringend auf Vordermann gebracht werden – aber wie? Bildungsexperten, die mehr tun wollen als in ihrem Büro zu sitzen und Studien zu produzieren, aber auch erfahrene Lehrkräfte weisen immer wieder darauf hin, was eine gute Schule ausmacht. Zentral müssen zwei Fragen sein: Wie kann der Pädagoge seine Schulklasse ins Lernen einführen? Und was benötigt das einzelne Kind, um seinen Weg ins Leben unter die Füsse zu nehmen?

Bericht aus dem Kindergarten

Beginnen wir bei den Kleinsten, mit dem Bericht einer jungen Kindergärtnerin. Sie ist mit denselben Problemen konfrontiert wie viele ihrer Kollegen in der Primarschule. Acht von 19 Kindern sind «verhaltensauffällig»: Manche sind hyperaktiv, andere sitzen teilnahmslos da, einige kommen nicht mit anderen Kindern zurecht oder schlagen sogar, oft können sie nicht zuhören und sich konzentrieren. Es ist sehr verständlich, dass die Junglehrerin, wie viele andere, mit ihrem schwierigen Berufsalltag überfordert ist – in einer unbefriedigend organisierten Schule, mit einem untauglichen Lehrplan und mit vermutlich wenig pädagogischer Anleitung in ihrer Grundbildung an der PH.

Was tun?– Organisatorische Massnahmen

Manche Leute lernen es nie. Wider alle Vernunft und Erfahrung beharren die Präsidentinnen von «Zyklus 1» und LCH auf der integrativen Schule für alle, mit noch mehr Fachpersonen auch im Kindergarten, deren stetes Kommen und Gehen die Unruhe im Schulzimmer weiter steigern und einen konzentrierten Klassenunterricht unter Leitung der Klassenlehrerin erschweren statt erleichteren würde. Dies garniert durch eine Schulhausarchitektur mit «Rückzugs- und Bewegungsräumen» sowie Röslers Allerweltsheilmittel Lerninseln – soweit kommt‘s noch, dass man auch Vier- bis Sechsjährige dort deponiert, statt sich ihrer anzunehmen.

Ein erfahrener Kindergärtner dagegen plädiert für kleinere Klassen statt mehr Personal im Schulzimmer – das macht Sinn. Dass die Aufmerksamkeitsdefizite und die Störungen in der zwischenmenschlichen Beziehung, unter denen bereits kleine Kinder leiden, unter anderem dem frühen Einsatz digitaler Medien zuhause und in der Schule zuzuschreiben sind, darüber sind sich nicht nur die beiden Kindergärtner einig. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Handys und Tablets zuhause und in der Schule frühestens ab der Mittelstufe – und auch dort mit Mass – wie dies viele Experten seit langem fordern.

Was tun? – Anleitung in der Lehrerausbildung

Um einem Kind aus seinen persönlichen Schwierigkeiten heraushelfen zu können, sind kleinere Klassen und eine Kindergärtnerin, die den Kindern Geschichten erzählt und sie anleitet beim gemeinsamen Spiel, statt sie sich selbst zu überlassen, schon ein grosser Schritt. Vor allem aber dürfen wir unsere Junglehrer nicht alleinlassen mit ihrem anspruchsvollen Schulalltag. In ihrer Ausbildung müssten sie bei erfahrenen Praxislehrern lernen, ihre Klassen zu unterrichten statt lediglich zu coachen. Zudem benötigen sie einen Lehrplan als unterstützendes Hilfsmittel, der einen klaren Aufbau des Lernstoffes vorgibt und genügend Zeit zum Üben und Vertiefen lässt, aber auch Raum für gemeinsames Spiel sowie für die Einübung manueller und musischer Fertigkeiten.

Der erwähnte Kindergärtner fordert ausserdem mehr Elternbildung, und die junge Kindergärtnerin ruft den Eltern zu: «Macht was mit euren Kindern, lasst sie mit Gleichaltrigen spielen, geht mit ihnen in den Wald!». Die Eltern müssten klare Regeln setzen und auch einmal Nein sagen.

Es darf aber nicht darum gehen, dass sich Eltern und Schule gegenseitig die Verantwortung zuschieben. Beide Lebensbereiche sind mitverantwortlich für die gedeihliche Entwicklung der Kinder. Auch in den Schulzimmern sollten klare Regeln gelten (was nicht überall der Fall ist). Und das Gespräch mit den Eltern muss gelernt werden, es genügt nicht, ihnen zu sagen, was sie alles besser machen sollten. Für Kinder mit grösseren persönlichen Problemen und Lernschwierigkeiten brauchen wir kleine Förderklassen mit fachkundiger Leitung, denn wir dürfen nicht alles den Lehrkräften aufbürden. «Die meisten, die mit mir studiert haben, sind nicht mehr im Beruf», sagt die junge Kindergärtnerin. Was für eine tragische Verschwendung von Kräften, die unsere Schule dringend benötigen würde!

Einige wichtige Überlegungen zum Verständnis des «schwierigen» Kindes trägt die Heilpädagogin Eliane Perret bei. Sie weist darauf hin, dass die zunehmenden psychiatrischen Diagnosen wie ADHS oder Autismus oft nicht belegt sind und setzt sich für einen entwicklungspsychologischen und anthropologischen Ansatz ein, dem Kind aus seinen Nöten herauszuhelfen. Statt Probleme von Kindern und Jugendlichen mit Funktionsstörungen im Gehirn zu erklären und diese ausschliesslich medikamentös zu behandeln, müsse mehr danach gefragt werden, «welche familiären und schulischen Situationen zu diesen Verhaltensweisen führen und welche psychosozialen Ursachen dabei eine Rolle spielen.» Für unsere Kindergärtnerinnen und Lehrer im anspruchsvollen Schulalltag könnte es eine grosse Hilfe sein, Psychologen und Heilpädagoginnen mit dieser Sichtweise und Erfahrung an ihrer Seite zu haben.

Dem Rückgang der Schulleistungen unserer Jugend etwas entgegensetzen

Die Schweizer Öffentlichkeit ist mit Recht aufgeschreckt: Dass eine zunehmende Zahl von 15-Jährigen grosse Defizite im Leseverständnis und in Mathematik hat, ist seit langem bekannt, aber die Bildungsverantwortlichen tun bisher nichts Substanzielles dagegen. Nicht erst heute beklagen viele Lehrbetriebe, dass immer mehr Jugendliche mit unzureichenden schulischen Grundlagen eine Berufslehre antreten. Neu sind die erschreckenden Resultate einer Umfrage bei den Ausbildnern in den Betrieben, welche die grossen Arbeitgeberverbände publiziert haben. Danach sehen sich viele Unternehmen gezwungen, weniger Lehrlinge auszubilden, denn besonders kleinere KMU stossen bereits heute an ihre Grenzen. Damit ihre Auszubildenden schulisch und vom Verhalten her (Leistungswillen, Zuverlässigkeit, Kooperationsfähigkeit usw.) eine Lehre absolvieren können, muss der Betrieb viel investieren, um die grossen Lücken vieler Jugendlicher zu beheben.

In einem Gastkommentar weisen nun zwei Mitglieder des Direktoriums des Schweizerischen Gewerbeverbands auf die grosse Bedeutung der Berufsbildung als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft und der gesamten Gesellschaft hin und stellen ihre Forderungen an das Schweizer Bildungswesen. Denn, so schreibt der SGV, die heutigen Lernenden sind die Unternehmer und Berufsausbildner von morgen. Hinzuzufügen ist: Ob sie dieser verantwortungsvollen Aufgabe für unser Gemeinwesen gewachsen sein werden, muss die Sache von uns allen sein.

Es ist unabdingbar, dass die Verantwortlichen in Bildungspolitik und -verwaltung die Stimmen aus der Wirtschaft sehr ernstnehmen. Damit die duale Berufsbildung, ein Qualitätssiegel unseres Staatsmodells, Bestand haben kann, werden sie nicht umhinkommen, das einst gute Schweizer Bildungswesen, das sie zu Fall gebracht haben, vom Kopf auf die Füsse zu stellen.

Carl Bossard greift in seinem Artikel die dramatische Situation in den Lehrbetrieben auf und stellt einmal mehr die wesentliche Frage: Was brauchen Kinder, damit sie lernen? Er beantwortet sie in seiner klaren und pädagogisch unanfechtbaren Weise: «Nicht zuerst: Wie organisieren wir Schule? Sondern: Wie gelingt guter Unterricht? (…) Denn Bildung entsteht dort, wo eine Lehrperson mit jungen Menschen an einer Sache arbeitet. Intensiv und konzentriert: Lesen und Verstehen. Schreiben und Rechnen. Denken und Problemlösen. Das sind keine alten Zöpfe. Das sind die Fundamente.» Eine ausgezeichnete Antwort auf die Frage, was eine gute Schule ausmacht, finden Sie auch im Leserbrief von Max Knöpfel, einem weiteren erfahrenen Pädagogen.

Kantone wehren sich gegen Frühfranzösisch-Zwang aus Bern

Es ist hier nicht zum ersten Mal Thema und soll deshalb nur kurz aufgegriffen werden: Bundesrätin Baume-Schneider will die Deutschschweizer Kantone mit einer Änderung des Sprachengesetzes zur Beibehaltung des Frühfranzösisch zwingen. Das verstösst gegen die kantonale Schulhoheit gemäss Bundesverfassung und ist zudem eine Holzhammer-Methode, die dem föderalistischen Frieden im Land nicht gerade förderlich ist. Denn einige Kantonsparlamente haben bereits beschlossen, das Fach Französisch auf die Oberstufe zu verlegen, und die Regierungen sind an der Ausarbeitung der Neuregelungen. Entsprechend setzen sich diese Kantone zur Wehr. Einmal mehr ist festzuhalten, dass das Fach Französisch in keinem Kanton «abgeschafft» werden soll, wie Mario Andreotti in seiner Stellungnahme einleuchtend erklärt: «Es geht keineswegs darum, die Sprache der Romands als Inbegriff der frankofonen Kultur aus den Schulen der Deutschschweiz zu verbannen, sondern sie auf die Oberstufe zu verschieben, wo die Schülerinnen und Schüler mit gefestigten sprachlichen Grundkenntnissen das nötige Rüstzeug haben, diese zweite Landessprache zu erlernen.» Aber lesen Sie seinen Kommentar selbst.

Einige Aufsteller als Schlusspunkt

Zum Abschluss bieten wir Ihnen ein Plädoyer für die Erhaltung des Lesens an: «Mit dem Lesen verschwindet das ABC der Freiheit». Die Autorin beschreibt die unverzichtbare Bedeutung des Lesens für die menschliche Zivilisation und Kultur: «Aber Lesen ist mehr als nur Freizeittätigkeit. Und mehr als eine Methode zur Informationsaufnahme. Lesen hat der Menschheit die Entwicklung von Wissenschaft und Demokratie ermöglicht. Denn erst anhand von längeren Texten üben wir uns darin, komplexer zu denken, einer Argumentation zu folgen oder diese zu widerlegen.»

Zudem dürfen Sie sich auf einen Strauss von äusserst anregenden Leserbriefen freuen. Sie fordern uns geradezu auf: Schreiben wir gegen den Strom – nichts wird so fleissig gelesen wie Leserbriefe!

Viel Freude beim Lesen!

Marianne Wüthrich