Wie kann die Schule den sprachlichen Abwärtstrend stoppen?
Unüberhörbare Botschaften aus der Schulpraxis
Ganz bewusst haben wir drei bemerkenswerte Leserbriefe an den Anfang unseres Newsletters gestellt. In den drei kurzen Texten ist unserer Meinung nach mehr an wesentlichen Aussagen über die PISA-Resultate enthalten als in manchen Kommentaren in den Tageszeitungen.
Die drei Texte haben es in sich. Sie gehen weit über das übliche Muster von Erklärungen zum PISA-Debakel hinaus. Sie suchen nicht nach Entschuldigungen und fordern auch nicht mehr Geld für die Schule. Die Texte haben alle einen starken Bezug zur täglichen Schulpraxis und zielen direkt auf den Kern des schleichenden Niedergangs. Die schulischen Baustellen werden nicht aus der erhabenen Sichtweise eines kreisenden Adlers auf der Höhe der pädagogischen Wissenschaften geschildert. Die präzisen Kurzkommentare zeigen vielmehr die Froschperspektive von Menschen mit unmittelbarer Schulnähe, die wissen, worauf es ankommt.
Kritische Worte dreier Jugendlicher zur Schulbildung
In einem in mehreren Zeitungen erschienen Interview von Kari Kälin und Bruno Knellwolf haben sich drei 14-jährige Jugendliche auf differenzierte Weise zu ihrem eigenen Lernverhalten und zum Medienkonsum geäussert. Sie sind sich bewusst über das Ablenkungspotenzial von TikTok und sehen den Einsatz von Künstlicher Intelligenz beim Lösen der Hausaufgaben als höchst fragwürdig. Sie stellen nicht in Abrede, dass ein Teil ihrer Mitschüler wenig Lust aufs Lernen hat und lieber die Zeit mit Chatten und Gamen verbringt. Die tägliche Erfahrung, dass viele ihrer Mitschüler in den Pausen lieber aufs Handy starren, statt direkt miteinander zu reden, stört sie empfindlich.
Umso mehr erwarten die drei Jugendlichen, dass die Lehrkräfte in der Schule die Führung übernehmen und konzentriertes Lernen ermöglichen. Dass den Teenagern das gemeinsame Lernen im Klassenverband viel wichtiger ist als das isolierte Arbeiten vor einem Bildschirm, ist bemerkenswert. Entsprechend wenig schmeichelhaft fällt das Urteil der Jugendlichen zum selbstorganisierten Lernen aus. «Ich weiss manchmal gar nicht, wo ich stehe. Ob ich die Aufgabe richtig löse oder Fehler mache, ohne dass ich es merke», meinte eine der befragten Schülerinnen. Alle wünschen sich mehr Struktur im Unterricht und eine aktivere Rolle der Lehrpersonen. Sie finden es eine Überforderung, dass ein grosser Teil der Verantwortung fürs Lernen ganz bei den Jugendlichen liegt.
Trotz stark gestiegener Bildungsausgaben sinken die Leistungen
Die jüngsten PISA-Resultate haben recht hohe Wellen geworfen. Von schönfärberisch bis tief besorgt war in den Kommentaren fast alles zu lesen. EDK-Präsident Darbellay unterstrich, dass die Schweizer Schulen im europäischen Ranking sich verbessert haben und in Mathematik und den Naturwissenschaften einen Spitzenplatz einnehmen. Etwas kleinlaut fügte er hinzu, dass die Leistungen unserer Schüler im Leseverstehen einen neuen Tiefpunkt erreicht hätten.
In den seriösen Analysen wurde einhellig festgehalten, dass der Abwärtstrend im Deutsch nicht länger hingenommen werden kann. Die meisten Analysten forderten eine vorschulische Frühförderung für Kinder, die nur ungenügend Deutsch sprechen. Damit könnten sprachliche Defizite rechtzeitig behoben werden, bevor sie sich negativ auf eine ganze Schullaufbahn eines Kindes auswirken würden.

Erstaunlich wenig Konkretes war von offizieller Seite über nötige innere Schulreformen zu hören. Weder die gescheiterte Mehrsprachendidaktik der Primarschule noch die umstrittenen Selbstlernkonzepte wurden bei den Bildungsdirektionen als Mitverursacher der Defizite im Deutsch erwähnt. Einmal mehr erhielt man den Eindruck, dass in der zentralen Frage der Deutschförderung weitgehend Ratlosigkeit herrscht.
Unsere Schüler müssen wieder richtig Deutsch lernen
Ohne ausreichende Lesekompetenz haben Jugendliche im späteren Leben einen schweren Stand. Muttersprachliche Kompetenz ist ein wichtiger Teil der Lebenstüchtigkeit, deshalb hat die Schule das Leseverstehen gründlich zu fördern. Dieses speist sich aus drei Quellen: Dem Zuhören von Geschichten, aus der Welt der Bücher und aus den Kenntnissen im Realienunterricht. Alle drei Zugänge sind heute teils verstopft. Die sprachfördernde Erzählkunst wird an den Pädagogischen Hochschulen zu wenig trainiert, der Welt der Bücher stehen die Kurzfuttertexte der digitalen Medien gegenüber und der Realienunterricht ist oft mager.
Über den Wert von Geschichten für Kindergartenschüler muss man nicht viele Worte verlieren. Doch wenn man weiss, was ein spannender Geschichtsunterricht mit attraktiven Erzählungen in der Volksschule eigentlich bieten könnte, ist die Frustration über das langweilige Abhaken von Arbeitsblättern in vielen Klassen umso grösser. Dabei gehören spannende Erzählungen zum wertvollsten, um Sprache vom Hören her verinnerlichen zu können. Die Lehrerbildung ist da eindeutig gefordert.
Die Welt der Bücher zu erschliessen, braucht Zeit. Viele Schulen verfügen über kindgerechte Bibliotheken, die zum Lesen anregen. So lässt sich Freizeit mit Schule auf angenehme Weise verbinden. Doch nötig sind immer wieder Inputs mit Klassenlektüren im Deutschunterricht. Wo aufschlussreiche Texte auszugsweise gelesen werden und darüber diskutiert wird, kann der Funke fürs Lesen zünden.
Sachkompetenz fördert das Leseverstehen und die gesprochene Sprache
Leider oft unterschätzt wird die Bedeutung eines aufbauenden Realienunterrichts für das Leseverständnis. Gute Sachkenntnisse spielen eine Schlüsselrolle für das Verstehen wesentlicher Zusammenhänge und die Erweiterung des Wortschatzes. Wer gute Vorkenntnisse in einem Sachgebiet hat, liest viel leichter und lernt sich präzis auszudrücken. Deshalb muss deutlich mehr in die Realienfächer investiert werden.
Selbstverständlich muss auch wieder mehr Zeit für formales Sprachtraining eingesetzt werden. Vorbereitete Diktate und das häufige Schreiben eigener Texte sollen die Schüler mit dem schriftlichen Ausdruck vertraut machen. Ohne intensives Üben geht es nicht. Und der Irrweg des Schreibens nach Gehör verdient eine Vollsperrung. Für das praktische Anwenden der gesprochenen Sprache im Unterricht ist ein enger Verbund mit den vielseitigen Realienfächern jedoch unverzichtbar.
Erziehung im digitalen Zeitalter und Abstimmungen über Entlastungsmassnahmen
Manfred Spitzer scheint mit seinen Warnungen zur unkontrollierten Nutzung digitaler Geräte richtig zu liegen. Es fällt auf, dass die weltweite Verschlechterung der Punktzahlen bei den PISA-Tests mit wenigen Ausnahmen mit der starken Ausbreitung sozialen Medien in jüngerer Zeit zusammenfällt. Spitzer galt lange Zeit als einsamer Rufer in der Wüste, doch seine Argumente gegen eine frühe Digitalisierung der Schule und seine Forderungen nach einem Verbot Sozialer Medien für unter 16-Jährige finden aktuell viel Zustimmung.
In den Kantonen Zürich und Bern finden Ende Monat Abstimmungen über Erhöhungen des Schulbudgets statt. Wir haben einen Kommentar aus dem Tagesanzeiger in unsere Textsammlung aufgenommen. Das Thema ist derzeit sehr umstritten. Der Zürcher Lehrerverband spricht von der dringend nötigen Entlastung der Klassenlehrkräfte, während die Gegner der Vorlage darin eine verdeckte Lohnerhöhung sehen.
Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht durch Gleichmacherei
Als Abschluss präsentieren wir Ihnen einen wohltuend unaufgeregten Kommentar von Carl Bossard zu einem nach dem PISA-Bericht emotional diskutierten Thema. Es geht dem Autor um mehr Bildungsgerechtigkeit und die optimale Förderung jedes einzelnen, nicht um pädagogisch unsinnige Gleichmacherei. Wichtig sind die Durchlässigkeit des Bildungssystems und die volle Anerkennung unterschiedlicher Ausbildungswege, welche im Gegensatz zu anderen Ländern bei uns ausgeprägt vorhanden sind.
In der Volksschule gilt es, die richtigen Bildungsschwerpunkte zum Ausschöpfen der vorhandenen Potenziale zu setzen. Schüler blühen auf, wenn sich der Unterricht auf ihrem kognitiven Niveau bewegt und Erfolgserlebnisse häufig sind. Als Reallehrer habe ich mit grosser Freude feststellen können, dass unzählige Schülerinnen und Schüler mit Erfolg eine Berufslehre abschliessen und später ausgezeichnete Weiterbildungsmöglichkeiten nutzen konnten. Diesem durchlässigen System müssen wir Sorge tragen und vor allem schauen, dass in der Volksschule wieder mehr Wert auf das Erlernen grundlegender Kompetenzen gelegt wird.
Hanspeter Amstutz

