Springe zum Inhalt

Newsletter vom 6. September 2026

Die Ressourcen sind es nicht…

Die Ressourcen sind es nicht…


Der Ruf nach «mehr Ressourcen» ist zur faulen Ausrede geworden, um davon abzulenken, dass die fatalen Schulreformen der letzten dreissig Jahre unsere einst gute Volksschule an die Wand gefahren haben. In diesem Sinne der pädagogische Zeigefinger von Carl Bossard, den wir an den Anfang unserer Textsammlung stellen. Er erinnert auch daran, dass es am Geld nicht liegen kann, geben wir doch für die Bildung mehr aus als die meisten anderen Länder: «Geld allein garantiert noch keine gute Schule.»

LCH-Präsidentin Dagmar Rösler tut neuestens auch die Tatsache, dass immer mehr Eltern ihre Kinder in eine Privatschule schicken, als reines Ressourcen-Problem ab. An den Privatschulen kämen die Schüler nur deshalb besser voran, weil die Klassen kleiner seien, so Rösler, also müsse man in der öffentlichen Schule die integrierten Klassen halt ebenfalls verkleinern, dann wäre alles in Butter. (Von kleinen Förderklassen will dieselbe Funktionärin aber bekanntlich nichts wissen.) Wie lange kann man an dieser verantwortungsvollen Stelle den Kopf in den Sand stecken, bis die Schweizer Lehrerinnen und Lehrer einen Präsidenten wählen, der keine oberflächlichen Rezepte von sich gibt, sondern sich für die Behebung der bekannten Grundprobleme der Volksschule stark macht?

Um mehr Ressourcen geht es auch in der kantonalen Zürcher Volksabstimmung vom 27. September: 83 Millionen Franken sollen eingesetzt werden, damit die Lehrpersonen mehr Zeit zur Vor- und Nachbereitung des Schulunterrichts haben und die Klassenlehrpersonen entlastet werden. Selbstverständlich geht es nicht, dass Klassenlehrpersonen jede Woche eine grosse Zahl an Überstunden leisten, ohne dafür bezahlt zu werden. Eine finanzielle Aufstockung bleibt jedoch eine Notlösung, die den Kern der Überlastung nicht trifft. Unsere Lehrkräfte brauchen nicht mehr bezahlte Stellenprozente, sondern ein nachhaltiges Herunterfahren der Bürokratie, damit wieder Zeit und Raum ist für ihre eigentliche Aufgabe, das Unterrichten. Dann könnte manch einer wieder zur Freude an seinem schönen Beruf zurückfinden.

… sondern die wesentlichen pädagogischen Fragen

Unseren aktiven Pädagoginnen wäre eine Lehrervertretung und eine pädagogische Weiterbildung zu wünschen, wo die wesentlichen Fragen gestellt werden. Solche Fragen stellt zum Beispiel Carl Bossard: «Unterricht lässt sich nicht bestellen wie ein neues Schulmodell und nicht einfach mit zusätzlichen Ressourcen ausstatten. Man muss ihn gestalten. Deshalb geht es nicht nur um Fragen wie: Wie viele Heilpädagoginnen stehen zur Verfügung? Wie gross sind die Klassen? Wie viel zusätzliche Zeit gibt es? Sondern auch darum, wie Lernprozesse aufgebaut, neue Inhalte erklärt, geübt und gefestigt werden – und was eine Lehrperson tun muss, damit aus Anwesenheit tatsächlich Lernen wird.»

Erfrischend die britische Pädagogin Katharine Birbalsingh, die darauf aufmerksam macht, dass man dem Kind keinen Dienst erweist, wenn man es in einer Opferrolle sieht und ihm «beim Wutanfall den Keks gibt». Als Rektorin setzt sie in ihrer Schule auf Werte wie Eigenverantwortung und die Wahrnehmung von Pflichten gegenüber anderen, Überwinden von Hindernissen, Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Land. Dank Strenge und Disziplin, traditionellen Werten sowie einem Unterricht, in dem der Erwachsene die Autorität ist, erreichen ihre Schüler die besten Testresultate im ganzen Land.

Ganz weg von den pädagogischen Grundlagen führen indessen Andrea Lanfranchi und Peter Klaver, die für eine «Frühförderung ab Geburt» plädieren. Mit regelmässigen Hausbesuchen sollen Kinder, die in benachteiligten sozialen Verhältnissen aufwachsen, von klein auf in Programme eingebunden werden. Damit sollen die Leistungsunterschiede aufgrund sozialer Ungleichheiten (neuer Bildungsbericht Schweiz) gemildert werden und «gleiche Bildungschancen für alle» entstehen.

Es soll hier gewiss nicht gegen eine adäquate Förderung von Kindern zum Beispiel aus fremdsprachigen Familien gesprochen werden. Aber mit einer Rundumversorgung ohne Eigenleistung verhilft man keiner Familie zu einer besseren Lebenssituation für die nächste Generation. Meine Nachbarn in unserer Wohngenossenschaft in Zürich, eine Sikh-Familie aus Indien, die Eltern mit minimen Deutschkenntnissen, sind von sich aus aktiv geworden, als sie hörten, dass ich Lehrerin bin, und haben mich gebeten, zuerst ihre ältere und dann die zweite Tochter beim Lernen zu unterstützen. Nicht in ihren ersten Lebensjahren, sondern später, als Ergänzung zur Primarschule (wo zu wenig Unterricht und Üben stattgefunden hat) und als Begleitung für den Übertritt in die Oberstufe. Es war den Eltern wichtig, trotz schmalem Portemonnaie etwas dafür zu bezahlen, um ihre Würde zu wahren, also habe ich einen kleinen Betrag angenommen und als Spende weitergegeben. Die Kinder haben ihren Weg gemacht, weil sie bereit waren, zu lernen und sich von mir anleiten zu lassen, und weil sie von den Eltern in diese Richtung gefördert wurden. Ob es von Gutem gewesen wäre, dieser Familie eine staatlich beauftragte Sozialpädagogin aufzudrängen?

… und eine Volksschule, die das Rüstzeug fürs Leben mitgibt

Seit Jahren ist bekannt, dass viele unserer Jugendlichen nach ihrer Schulzeit keine genügenden Grundlagen im Lesen, Schreiben und Rechnen mitbringen, um eine Berufslehre machen zu können. Seit ebensovielen Jahren klagen die Ausbildner in den Lehrbetrieben, dass sie immer weniger geeignete Lehrlinge finden. Nun haben wir das erschreckende Resultat schwarz auf weiss: Die Unternehmer ziehen die Reissleine. In einer Umfrage der grossen Arbeitgeberverbände geben viele der rund 3000 befragten Ausbildner an, dass sie bereits heute weniger Lernende einstellen oder dies für die Zukunft planen. Manche Lehrstelle bleibt unbesetzt, weil geeignete Bewerber fehlen. In 30 Prozent der kleinsten Betriebe fehlen die Kräfte, um Jugendliche auszubilden, die interne oder externe Zusatzkurse und persönliche Sonderbetreuung benötigen, um die dringendsten schulischen und persönlichen Defizite zu verringern. Wenn die KMU, das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft, ihre grundlegende Aufgabe in unserer Gesellschaft nicht mehr wahrnehmen können, «dänn guet Nacht am Sächsi!»

Hier schliesst sich der Kreis zur Fragwürdigkeit der Rundum-Betütelung unserer Jugend in der Schule und ihrem Sozialkuchen-Umfeld. Selbstverständlich gibt es soziale Unterschiede, die sich auf die schulischen Leistungen auswirken, es hat sie schon immer gegeben. Um sie so gut wie möglich auszugleichen, braucht es jedoch keine Frühförderung ab Geburt, sondern dafür wurde die Volksschule geschaffen. Hier müssen wir ansetzen: Bei einer Volksschule, wo alle Kinder eine Bildung erhalten, die sie durchs Leben tragen wird und sie insbesondere befähigt, ihren Platz im Berufsleben einzunehmen. Und bei einer Lehrerbildung, die den jungen Pädagogen Auge, Ohr und Herz öffnet für den schönsten Beruf: Die Kinder einführen zu dürfen ins Lernen, ihnen zu zeigen, wie sie Schwierigkeiten bewältigen können, ihnen das Erlebnis zu ermöglichen, dass im Verbund mit ihrer Lehrerin und ihren Gspänli noch viel mehr geht, als wir manchmal ahnen, und ihre Neugier zu wecken für die unendlichen «Angebote» unserer spannenden Welt.

Späte Erkenntnis und frühe Ahnung

Zum Schluss zwei weitere bemerkenswerte Zeitungsartikel. Der erste beinhaltet die späte Erkenntnis des Zuger Bildungsdirektors Stephan Schleiss: «Die Schulen verzetteln sich mitunter zu stark mit Projekten, entdeckendem und forschendem Lernen sowie super anspruchsvollen pädagogischen Settings. Da fehlt am Schluss die Zeit, um die Grundlagen zu üben.» Deshalb will er die Schulen «verstärkt auf die Kulturtechniken Lesen, Rechnen, Schreiben einschwören.» Zur Erinnerung: Derselbe Bildungsdirektor befand 2017 als neuer EDK-Präsident die «Unterstützung der Kantone bei der Einführung der neuen, harmonisierten Lehrpläne in den kommenden Jahren als eine der wichtigsten Aufgaben der D-EDK». Heute haben unsere Kinder den Salat. Schleiss muss Flickwerk betreiben, Noten und Prüfungen vorschreiben in seinem Kanton, um den Schaden, den er und seine EDK-Mitverantwortlichen mit dem Lehrplan 21 angerichtet haben, zu übertünchen. Aufrichtiger wäre es, endlich die Konsequenzen zu ziehen!

Der zweite, erfreulichere Bericht ist der lebendigen Auseinandersetzung unserer Jugend mit KI gewidmet – ein Genuss! Da wird KI zwar fleissig genutzt und auch einmal geschummelt, aber den Jugendlichen ist die Problematik des Ganzen erstaunlich klar: «Ehrlich gesagt: Ich frage mich schon, ob man so überhaupt noch etwas lernt» (wenn man für die gesamten Lernprozesse KI benutzen darf). «Wenn man nur noch die KI benutzt, lernt man die Basics überhaupt nicht mehr. Wenn man dann mal ohne KI dasteht, merkt man plötzlich: Ich kann das von mir aus gar nicht lösen. Ich weiss nicht mal, wo ich anfangen soll.» «Wenn man ständig Chat-GPT fragt, verliert man sein Selbstvertrauen, man traut sich irgendwann weniger zu.» Es kommt auf den Tisch, dass jede zehnte Antwort von KI nicht stimmt, und es wird diskutiert, ob die Lehrerin oder KI den Schulstoff besser erklären: Eine Schülerin findet, Chat-GPT könne «spezifischer auf ihre Bedürfnisse eingehen», ein anderer Schüler hält dagegen: «Am Ende musst du es halt wirklich verstanden haben, spätestens an der Prüfung merkst du das sonst. Und genau dafür braucht es die Lehrer: Die checken im Gespräch sofort, ob du es raffst oder nicht.»

Ein hoffnungsvolles Gegengewicht zur Aussage der britischen Pädagogin: «Die Generation Alpha wird ein Albtraum». Wie sie richtig aufmerksam macht, liegt die Verantwortung bei uns Erwachsenen. Bleiben wir mit den Kindern im Gespräch (statt uns hinter dem Handy zu vergraben) und geben wir ihnen mit, was wir zur Verfügung haben!

Eine genussreiche Lektüre wünscht

Marianne Wüthrich