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Newsletter vom 23. August 2026

Bildung bedeutet Vertrauen ins eigene Denken gewinnen

Bildung bedeutet Vertrauen ins eigene Denken gewinnen

Die beiden letzten Wochen rund um gestaffelten Schulstart nach den Sommerferien hatten es bildungspolitisch in sich. Was da an Themen aufgegriffen wurde, ging weit über die üblichen Vorschläge zu Strukturreformen, zu Notendiskussionen und den Streit ums Frühfranzösisch hinaus. Mit einer selten erlebten Geradlinigkeit wurde der Frage nachgegangen, welche pädagogischen Grundeinstellungen den Unterricht tatsächlich verbessern und was der Schule am meisten schadet. Dabei wagten es die beiden grossen Medienhäuser von NZZ und Tamedia, die wirklich heissen Eisen der aktuellen Bildungspolitik ohne Scheuklappen anzupacken. Weder das überfordernde Integrationskonzept oder der zur Gleichmacherei neigende Lehrplan wurden dabei verschont. Für einmal stimmten die Redaktionen auch nicht ins bekannte Lied für mehr Ressourcen für das Gelingen der Reformen ein. Das sind völlig neue Töne, die mit grosser Klarheit eine realitätsbezogene Bildungspolitik ankündigen.

Die Urteilskraft stärken, heisst das Denken fördern

Carl Bossard gehört zu den Autoren, denen es gelingt, auch in der Pädagogik die Spreu vom Weizen zu trennen. In seinem Beitrag zum Schulanfang sieht der erfahrene Bildungsfachmann die Schule durch überzogene Zielsetzungen unter einem erheblichen Druck. Vieles wird heute von den Kindern gefordert, bevor sie dafür über die nötigen mentalen und psychischen Voraussetzungen verfügen. Man ist bei der Bildungsplanung zu oft von Bildungszielen ausgegangen, die für viele Schüler ohne gründliche und zeitaufwändige Vorbereitungen gar nie erreichbar sind.

So ist es eine Illusion von Sechstklässlern zu erwarten, dass sie die Urteilskraft haben, tendenziöse Beiträge auf TikTok ohne weiteres zu erkennen. Erfolgreiche Medienkunde kann sich nicht mit ein paar nützlichen Verhaltenstipps fürs Internet begnügen. Ohne Lesekompetenz und solides Grundwissen der Schüler bleiben die Schüler orientierungslos den neuen Medien ausgeliefert. Kompetente Lehrkräfte müssen deshalb die Schüler immer wieder an anspruchsvolle Texte heranführen, damit ihre Urteilskraft gestärkt wird. Am Trainieren des Denkens in allen Fächern führt kein Weg vorbei, wenn man die spätere Selbständigkeit der Heranwachsenden zum Ziel hat.

Verabschiedet sich die Schule vom Leistungsgedanken?

René Donzé wagt in seinem doppelseitigen NZZ-Beitrag die These, wonach in der Schule dem Leistungsgedanken deutlich weniger Wert beigemessen wird. Ausgangspunkt für seine Ausführungen sind Schulen in der Stadt Luzern, welche auf Prüfungsnoten unter dem Jahr verzichten und nur noch abschliessende Semesterzeugnisse ausstellen. Grund für den Verzicht sind grosse Vorbehalte gegenüber der bisherigen Notengebung. Manche Lehrpersonen finden, dass Schulnoten subjektiv, oft demotivierend und wenig aussagekräftig seien.

Das sieht der Erziehungswissenschafter Roland Reichenbach anders. Er anerkennt zwar, dass Noten nur bedingt das Leistungsvermögen eines Schülers präzis abbilden. Aber solange man Schüler auf relativ unkomplizierte Weise beurteilen und den Leistungsgedanken hochhalten will, bleibt eine Beurteilung mit Noten unverzichtbar. Reichenbach sieht durch die laufenden Reformen das Leistungsprinzip und das Übungsethos erheblich geschwächt. Bedenklich findet er die stark forcierte Transformation der Lehrpersonen zu Lernbegleitern. «Menschliche Entwicklung braucht ein Gegenüber, das nicht nur motiviert, sondern auch einfordert», hebt er hervor.

Erzwungene Gleichmacherei schwächt den Leistungsgedanken

Nicht Gleichheit, sondern die bestmögliche Bildung für jeden muss das Ziel einer guten Schule sein. Das Interview in der Sonntagszeitung mit einem ehemaligen deutschen Bildungsminister bringt es auf den Punkt, warum heute nicht nur an deutschen Schulen vieles schief läuft. Er deckt auf, wie immer neue Reformen mit einem Gleichheitsanspruch die Lehrkräfte ausser Atem bringen. So verliert sich die forcierte Individualisierung in ausufernder Unübersichtlichkeit. Für jedes Kind müssen individuelle Lernwege ausgearbeitet werden in der Hoffnung, dass alle irgendwann im eigenen Lerntempo die unzähligen Kompetenzziele erreichen. Doch die Erfolge sind äusserst bescheiden.

Wird KI vorhandene Potenziale der Schüler besser ausschöpfen?

Die Vorstellung künstliche Intelligenz könne als Entlastung für überforderte Lehrkräfte einspringen, ist verlockend. Doch im NZZ-Beitrag von Klaus Zierer werden die viel zu hohen Erwartungen an die KI in der Volksschule zerzaust. KI kann das Trainieren des Denkens und die gezielte Förderung von Begabungen durch eine empathische Lehrkraft nicht ersetzen. Auch mit einer Frühdigitalisierung, wie sie einige Primarschulen bereits eingeführt haben, werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Mehr Bildungsgerechtigkeit im Sinne der Ausschöpfung vorhandener Anlagen und Talente zu schaffen, ist zentral. Bei schwächeren Schülern ist der Mut zur Lücke in gewissen Stoffbereichen zielführend, damit genug Zeit für die intensive Förderung vorhandener Stärken bleibt. Begabtere hingegen blühen auf, wenn sie breit und anspruchsvoll gefordert werden. Doch dieser klare Blick auf die vorhandenen Potenziale gelingt nur, wenn die rosa Brille der Gleichmacherei beiseitegelegt wird.

Die Lehrerbildung muss sich der Schulrealität stellen

Verschiedene Kommentatoren und Leserbriefschreiber fordern übereinstimmend, dass sich die Lehrerbildung mit allen Konsequenzen endlich der Schulrealität stellen müsse. Sie sehen in einer stärker auf die Schulpraxis ausgerichteten Ausbildung eine zentrale Weichenstellung für eine innere Schulreform.

Eines ist klar: Die Ausbildung darf nicht länger das Experimentierfeld für praxisferne Dozierende sein und schon gar nicht ein pädagogisches Rom für unantastbare Dogmen. Die von der Hochschule für Heilpädagogik durch alle Böden hindurch verteidigte Totalintegration ist dafür ein trauriges Beispiel, wie Realitätsverweigerung auf die Spitze getrieben werden kann. Die ständige Wiederholung der Forderung nach zusätzlichen finanziellen und personellen Ressourcen macht dabei die Sache nicht besser. Ohne die grossen kulturellen Bildungsziele aus den Augen zu verlieren, gilt es radikal die Frage zu stellen, was den Kindern und Jugendlichen wirklich hilft, an eigener Leistungsstärke zu gewinnen. Die Ausbildungsstätten müssen imstande sein, die Studierenden mit einem vollen Rucksack an brauchbaren Werkzeugen und pädagogischer Urteilskraft für einen erfolgreichen Unterricht auszurüsten.

LCH-Befragung zur Integration und Kritik am St. Galler Lehrplanentwurf

Viel Medienecho ausgelöst hat die Bekanntgabe der Resultate der Befragung der Mitglieder des Schweizerischen Lehrerverbands LCH zur schulischen Integration. Aufmerksame Beobachter des Schulgeschehens haben die Ergebnisse kaum überrascht. Während die Präsidentin des LCH von einer gespaltenen Lehrerschaft spricht und zur Entlastung der Klassenlehrkräfte deutlich mehr Personal fordert, fallen die meisten Kommentare deutlich schärfer aus. Von enttäuschten Hoffnungen und gar von einem totalen Scheitern der Integration ist die Rede. Die Neubewertung der Situation ist auf jeden Fall zu begrüssen, denn sie bietet die grosse Chance, separative Lösungen mit Förderklassen als vollwertige Ausbildungswege zu akzeptieren.

Unsere Schwesterorganisation in St. Gallen hat sich mit dem kantonalen Lehrplanentwurf intensiv auseinandergesetzt. Die St. Galler sind zwar etwas später dran als andere Kantone, aber sie haben dadurch den Vorteil, von den Erfahrungen ihrer Nachbarn profitieren zu können. Entsprechend spannend ist zu lesen, wo die Starke Volksschule St. Gallen die Schwachpunkte des Lehrplans sieht und Vorschläge für wesentliche Verbesserungen macht.

Hanspeter Amstutz