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Newsletter vom 31. Mai 2026

EDK-Bildungsrhetorik und Schulrealität passen überhaupt nicht mehr zusammen

EDK-Bildungsrhetorik und Schulrealität passen überhaupt nicht mehr zusammen

Die Liste der dringend zu lösenden Herausforderungen in der Volksschule ist lang. Das überladene Fremdsprachenkonzept, die dringend zu schliessenden Lücken im Deutsch, die forcierte schulische Integration, die Verzettelung durch stoffliche Überfülle und masslos gewordene Forderungen an den individualisierten Unterricht haben die Volksschule unter einen permanenten Überdruck gesetzt.

Doch was unternimmt die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz, um aus der wenig erfreulichen Situation herauszukommen? Die Antwort ist ernüchternd: Man beschönigt, wartet auf weitere Bestätigungen durch neue Erhebungen und legt die Hände in den Schoss. Um den Anschein zu erwecken, dass man gut auf Kurs und nicht untätig sei, wird stets das hervorgehoben, was in unseren Schulen einigermassen rundläuft.

Eine Medienkonferenz der EDK ohne jede Selbstkritik

Zu dieser Schönwetterpolitik gehörte der lobende Kommentar von EDK-Präsident Christophe Darbellay an der Medienkonferenz der EDK zu den Mathematik- und Lesekompetenzen unserer Zweitklässler (4. Klasse nach neuer Zählweise). Darbellay unterstrich, dass man aufgrund der befriedigenden Resultate ableiten könne, dass die Harmonisierung der Schweizer Volksschulbildung ein voller Erfolg sei.

Über den Erhebungstest selber erfährt man hingegen wenig, da man es tunlichst vermieden hat, die sehr einfachen Fragen leicht zugänglich ins Internet zu stellen. So verstand es Darbellay in geschickter Manier, mit den vorliegenden positiven Prozentzahlen so zu argumentieren, dass die empfindlichen Lücken kaum auffielen. Wie die Zeitungsberichte danach zeigten, verfing das Ablenkungsmanöver zu grossen Teilen, wenngleich die NZZ die Schwachstellen klar erkannte.

Selbstverständlich ist der aktuelle Zustand der Volksschule schwer einzuschätzen. Doch die gegenwärtige Widersprüchlichkeit in der Beurteilung ganz wesentlicher Fakten übersteigt ein gesundes Mass. Die den unaufhaltsamen Fortschritt betonende offizielle Bildungsrhetorik und die oft äusserst verstörenden Berichte aus manchen Schulen passen überhaupt nicht mehr zusammen. Man fragt sich, wie lange dieses Wegschauen, dieses Verneinen eines grossen Teils der Schulrealität von führenden Mitgliedern der EDK noch weitergeführt werden kann.

Unterschiedliche Reaktionen auf einen Bericht eines Schuleinsteigers

Dass auf einen in der Öffentlichkeit heftig diskutierten Bericht eines Quereinsteigers über seine aufwühlenden ersten Schulwochen die allermeisten Bildungsdirektionen stumm blieben, passt ins Bild dieser Verdrängungspolitik. In einem scharfsinnigen Kommentar stellt Carl Bossard die Frage, was eigentlich noch geschehen müsse, bis die happigen Herausforderungen des Schulalltags mehr als nur ein Schulterzucken in den Bildungsverwaltungen auslösen. Man müsse mit dem Bericht des Aushilfslehrers nicht in allen Punkten einiggehen und könne ihn auch nicht verallgemeinern, aber die verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber praxisrelevanten Mängeln im Bildungssystem sei erschreckend.

Zu Recht wird in vielen Pressekommentaren moniert, dass es bei fast allen bekannten Grossbaustellen der Volksschule einfach nicht vorwärtsgeht. Die Fremdsprachenfrage wird innerhalb der EDK hin und hergeschoben, die schulische Integration dreht sich im Kreis ihrer Probleme und die Pädagogischen Hochschulen können weiterhin fast nach Belieben schalten und walten.

Offensichtlich müssen Veränderungen von parlamentarischer Seite oder von Volksinitiativen herkommen, um Bewegung in die erstarrte Bildungspolitik zu bringen. Die Zürcher Förderklasseninitiative und diverse Vorstösse zum Französischunterricht in einzelnen Kantonen belegen, dass dieses entschlossene Vorgehen allmählich Wirkung zeigt. Der oft genannte Vorwurf, die Politik mische sich unqualifiziert in die erhabene Sphäre der Bildung ein, ist daher ziemlich abwegig. Vielmehr muss festgehalten werden, dass dieses Eingreifen von aussen unumgänglich geworden ist.

Die Pädagogische Hochschulen stehen neu im Fokus grosser Parteien

Die unruhigen Verhältnisse in manchen Schulklassen haben die Frage der Lehrerbildung wieder stärker in den Fokus gerückt. Man ist sich weitgehend einig, dass eine innere Reform der Volksschule auf wesentliche Veränderungen in der Lehrerbildung angewiesen ist. Den Pädagogischen Hochschulen, die bei der Entwicklung neuer didaktischer Konzepte und entsprechender Lehrmittel führend sind, kommt zweifellos eine Schlüsselposition zu. Was an den PH gelernt wird, wirkt sich nachhaltig auf die gesamte Schulentwicklung aus.

Wohl keine Partei ist aber mit ihren Forderungen für einen Umbau der Lehrerbildung so deutlich geworden wie die SVP. Sie schlägt in ihren Diskussionsunterlagen eine eigentliche «Lehrer-Lehre» anstelle einer allzu theorielastigen Ausbildung vor, um den Bezug zur Schulpraxis zu verstärken. Damit trifft die Partei einen wunden Punkt, der immer wieder zu reden gibt. Im Blickfeld steht dabei die Qualifikation des Fachpersonals im schulpraktischen Bereich der Hochschulen, wo meist Dozierende mit wenig Praxis aus der Volksschule den Ton in den Fachdidaktiken angeben.

Ihre Vorschläge will die SVP nicht als fixes Konzept verstanden haben, was die Chancen für eine konstruktive Auseinandersetzung über das Ausbildungsprogramm der Pädagogischen Hochschulen zweifellos erhöht. Dass grosser Handlungsbedarf besteht, ist weitgehend unbestritten. So fühlen sich Studienabgänger oft nur unzureichend auf ihre ersten Schulstunden vorbereitet. Es fehlen besonders in den anspruchsvollen Realienfächern ausgearbeiteten Unterrichtsreihen, welche den Einstieg ins Lehrerleben erleichtern könnten. Andere beklagen sich, in der Ausbildung zu wenig psychologische und pädagogische Kompetenzen für eine erfolgreiche Klassenführung erworben zu haben. Diese und ähnliche Kritiken sind vielfach belegt und werden auch nicht entkräftet durch den berechtigten Hinweis, dass zwischen den Hochschulen und den Kooperationsschulen gute Verbindungen bestehen.

Ein duales Prinzip in der Lehrerbildung als Chance?

Eine Anstellung erfolgreich tätiger Volksschullehrkräfte als Fachdidaktiker an den Pädagogischen Hochschulen würde die Ausbildungskultur grundlegend verändern. Anstelle eines oft überbordenden Didaktik-Wettbewerbs zwischen den Hochschulen sollte wieder die Praxistauglichkeit der Ausbildung im Zentrum stehen. Lehrerpersönlichkeiten mit grosser Unterrichtserfahrung haben die Studierende so auf die Schulpraxis vorzubereiten, dass sie mit einem vollen Rucksack an didaktischem Rüstzeug und kreativen pädagogischen Ideen vor ihre Klassen treten können.

Die Vorstellung von einer reinen «Lehrer-Lehre» ohne akademischen Hintergrund dürfte aber auf berechtigten Widerstand stossen. Für die Förderung der fachlichen Kompetenz der Lehrpersonen braucht es nach wie vor Hochschuldozenten, welche ein gründliches Fachwissen vermitteln. Nur wenn Lehrkräfte über ein reiches Hintergrundwissen verfügen, können sie in einem Fach aus dem Vollen schöpfen und einen gehaltvollen Unterricht bieten. Mit einem ausgewogenen Prinzip der Dualität zwischen akademischer Weiterbildung und praxiserprobter Fachdidaktik böte sich der Lehrerbildung hingegen die Chance, einen grossen Schritt nach vorn zu machen.

Liebe Leserinnen und Leser, wir haben Ihnen in unserem Newsletter eine Auswahl an teils widersprüchlichen Texten aus den vergangenen zwei Wochen vorgelegt. Die Lektüre wird garantiert spannend.

Hanspeter Amstutz