Gefragt ist: Mut zur Kurskorrektur
Förderklassen für Zürcher Kinder und Jugendliche
Nun ist es so weit: Das Zürcher Kantonsparlament hat die schon vor einiger Zeit beschlossene Einführung von Förderklassen anfangs Mai im Volksschulgesetz verankert. Ein Referendum dagegen scheint nicht geplant zu sein. Damit wird wenigstens eines der grossen Probleme unserer Volksschule im Kanton Zürich wie auch an anderen Orten angepackt. Die Gemeinden können bei Bedarf auf allen Stufen der Volksschule solche Klassen einführen. Dass sie dafür neu kantonale Gelder beantragen können, ist eine echte Hilfe für das Gelingen des Projektes. Einige Kantonsräte und Journalisten behaupteten einmal mehr, es gehe darum, «störende Schüler» zu «separieren» – offenbar haben sie den Sinn von Förderklassen immer noch nicht verstanden oder wollen ihn nicht verstehen. Selbstverständlich muss aus pädagogisch-psychologischer Sicht immer das einzelne Kind im Zentrum stehen. Wie ist es am besten möglich, eine Lernsituation zu schaffen, in der es in intensiver Beziehung zu seiner Lehrerin seine Lernschritte machen und seinen Weg ins Leben finden kann? Gleichzeitig wird die Eröffnung von Förderklassen natürlich dazu führen, dass in den Regelklassen ebenfalls eine ruhigere Lernatmosphäre einzieht und dass die Lehrkräfte weniger überlastet sind. Also eine gute Sache zum Wohl aller Beteiligten.
Wenn schon eine Einrichtung dem Separieren der «Störer» dient, sind es die Lerninseln, die Bildungsdirektorin Silvia Steiner eigentlich zwecks Verhinderung von Förderklassen geplant hatte. Es ist ärgerlich, dass der Kantonsrat dieses pädagogische Unding einer Nichtpädagogin ebenfalls ins Gesetz schreibt.
Zur Frage, ob die Förderklassen nun kostenneutral seien oder nicht, titelt die NZZ: «Und sie kosten doch etwas». Finden Sie eine solche Diskussion nicht auch peinlich für ein wohlhabendes Land? Besonders wenn man dabeihat, dass wir Abermilliarden in digitale Geräte und Software ab dem Kindergarten pumpen, obwohl sie erwiesenermassen oft mehr schaden als nützen. Was hingegen für Schüler und Lehrer sinnvoll ist, darf bigoscht auch etwas kosten!
Die Bildungsexperten zerpflücken – oder den desolaten Zustand unserer Schule anpacken?
Carl Bossard ist einer der erprobten Pädagogen, die sich seit vielen Jahren kritisch mit den pädagogisch unhaltbaren Schulreformen auseinandersetzen, die unserer einst guten Schule von Vertretern fragwürdiger pädagogischer Theorien oder aus ökonomischen Interessen aufgedrückt worden sind. Ende April sind einige dieser Fachleute unter dem Titel «Wendepunkt Bildung» vor die Medien getreten und haben zum «Mut zur Kurskorrektur» aufgefordert. Im letzten Newsletter haben wir darüber berichtet.
Das Anliegen der Bildungsexperten: Die Öffentlichkeit aufzurütteln, indem sie über die desaströsen Zustände in unserer Volksschule informieren und zu deren Behebung aufrufen. Ihr eindringliches Motto: «Jedes Kind geht nur einmal zur Schule.» Damit werden Bildungsdirektionen, PHs, Medien und Bürgerinnen an ihre Verantwortung unserer Jugend gegenüber erinnert. In den Medien wurde die wahrhaft berechtigte Kritik nur teilweise konstruktiv aufgegriffen, zum Beispiel von Kari Kälin in CH Media oder in einem Interview mit dem Nidwaldner Bildungsdirektor Res Schmid in der NZZ.
Carl Bossards neuester Artikel «Die Rückkehr der Kreidezeit» ist eine eigentliche Anklageschrift gegen einige andere Medienleute, ihre rüde Zurückweisung der Fakten bis hin zur Abwertung ad personam. Wer heute Selbstverständlichkeiten einfordert wie etwa, dass die Kinder in der Schule lesen, schreiben und rechnen lernen und dass den Lehrerstudenten an der PH das Unterrichten vermittelt wird, der muss damit rechnen, in eine rückwärtsgewandte Ecke gestellt zu werden, so der Autor. «Besonders auffällig war allerdings weniger die Kritik selbst als deren Stil. Diskutiert wurde selten über Lesen, Schreiben oder Rechnen. Stattdessen wurde das Alter der Beteiligten untersucht. Ihre mutmassliche Weltanschauung.»
Beim Rückblick in die Medienkommentare vom 28. April, dem Tag der Medienkonferenz, wird man vor allem im Tages-Anzeiger fündig. («Zurück zur klaren Autorität im Klassenzimmer».) Was sich Inlandredaktorin Sabrina Bundi erlaubt, ist jenseits! «Wendepunkt Bildung: Viel Kritik, wenig Plan. Konkrete politische Forderungen oder Strategien hat die Gruppe noch keine.» Dabei nennt Bundi durchaus die konkreten Forderungen der Experten, aber mit negativem Unterton: «Die Gruppe nennt sich Wendepunkt Bildung. Inhaltlich positioniert sie sich bildungskonservativ und reformkritisch. Ihr Manifest beklagt ‚‹sinkende Lernleistungen›, ‹überfrachtete Lehrpläne›, Pädagogische Hochschulen, die ‹den Bezug zur Praxis verloren haben›, und eine Schule, die sich in Administration verstricke.» Indem man die Benenner dieser allseits bekannten Fakten als «bildungskonservativ und reformkritisch» etikettiert, lenkt man in Tat und Wahrheit vom realen Desaster in unserer Volksschule ab. Bundi weiter: «Was sie alle eint, passt auf eine A4-Seite: ein Manifest, das nicht weniger fordert als eine Neuausrichtung der Volksschule. Sie soll sich wieder auf ihre Kernaufgaben fokussieren.» Was soll daran falsch sein? Aber mit der Bemerkung «Was sie alle eint, passt auf eine A4-Seite» wertet die Journalistin das Ganze gekonnt ab.
Besonders widerwärtig ist der Angriff Bundis auf die Personen: «Die Forderungen ähneln dem, was schon die SVP und die FDP in ihren Bildungspapieren festhielten. Neu ist also weniger, was die Gruppe fordert – sondern wer es gemeinsam tut.» (Hervorhebung mw) Erstaunlich unverfroren!
Dass die Gruppe «Wendepunkt Bildung» ihre Analysen und Forderungen aus den Bildungspapieren der FDP und SVP abgeschrieben haben soll, wurde übrigens auch in anderen Medien behauptet. Ein Witz! Wenn schon, dann umgekehrt, beschäftigen sich doch die Experten seit vielen Jahren mit den fehlgeleiteten Bildungsreformen. Dies soll die neue Positionierung der beiden politischen Parteien aber keineswegs entwerten – gut für unsere Schule, wenn die Politiker etwas Sinnvolles übernehmen.
Förderung der Leistungsstarken – oder der Kinder, die es am meisten brauchen?
Anschliessend lässt Bundi unter dem Titel «Was die Befürworterin der Schulreform sagt» Katharina Maag Merki von der Uni Zürich ausgiebig zu Wort kommen. Mit dem, was sie von sich gibt, erweist sie sich allerdings nicht als Leuchtturm der Wissenschaft. Zum Beispiel, die Kritik der Gruppe an den Reformen greife zu kurz, denn «Der Leistungsrückgang ist kein schweizerisches Phänomen, wir sehen ähnliche Entwicklungen in vielen Ländern». Im Klartext: Weil die Schulreformen anderswo auch nicht tauglicher sind als bei uns, ist alles in Butter? Oder: Die Grundkompetenzen, die das Manifest stärken will, seien längst Teil des Lehrplans. «Sich aber wieder stärker nur auf diese zu fokussieren, holt die leistungsstarken Kinder nicht genügend ab, sie würden dadurch ungenügend gefördert».
Tatsächlich ist aber ein systematischer Aufbau der Grundlagen in Deutsch und Mathematik gerade nicht Teil des Lehrplans 21, wie jeder weiss, der sich damit auskennt. Ausserdem ist es nicht vordringlich, sich Sorgen um die Förderung der leistungsstarken Kinder zu machen. Als ob sie nicht selbst ihre Knacknüsse suchen und finden würden, wie ich aus eigener Erfahrung weiss. Meine sechsjährige Primarschulzeit habe ich mit 38 anderen Kindern zusammen in einer sozusagen integrierten Klasse verbracht. Anders als heute wurde da im Klassenunterricht, in Ruhe und mit Konzentration gelernt. Ja, einer meiner Lehrer war autoritär, aber die meisten waren herrliche Persönlichkeiten, die uns die Freude am Lernen und am gemeinsamen Schaffen näherbrachten und mir zum Vorbild wurden. Manchmal ging es mir ja schon etwas zu langsam vorwärts. Dafür konnte ich zum einen meinen Mitschülerinnen beim gemeinsamen Lösen der Hausaufgaben behilflich sein. Zum anderen gab es schon damals viele Möglichkeiten, sich Zusatzanforderungen zu beschaffen: zum Beispiel durch Anregungen in Jugendzeitschriften, beim Heraustüfteln mathematischer Tricks, mit dem Lesen von massenhaft Büchern und mit dem Schreiben und Illustrieren selbst erfundener Geschichten. Und was haben wir bei den Pfadi alles gelernt, vom Bau einer Herdstelle inklusive Feuermachen, über den OL mit Karte und Kompass, bis zum Einkaufen und Kochen mit bescheidenen Mitteln im Pfadilager. Wem es noch nicht klar ist: Unser Augenmerk muss in erster Linie der Förderung derjenigen Kinder gelten, die beim Lernen aus verschiedenen Gründen benachteiligt sind. Die Lernfreudigen haben sich tatsächlich seit jeher ein gutes Stück weit «selbst organisiert».
Es geht auch anders in den Schweizer Medien
Zum Abschluss einige erfreuliche Stimmen. Da ist CH Media-Journalist Kari Kälin mit seiner würdigenden Berichterstattung zur Medienkonferenz. Seinen Artikel vom 28. April haben wir im letzten Newsletter publiziert. Zwei kurze Auszüge: «Die Experten kritisierten, oft werde die Lehrperson zum Coach degradiert, den Kindern im Rahmen des selbstorganisierten Lernens zu viel zugemutet. Res Schmid kritisierte, dass bei dieser Lernform vor allem lernschwache Kinder auf der Strecke bleiben würden. Der Tenor lautete: Die Lehrerinnen und Lehrer müssen gestärkt werden, sie brauchen eine aktivere Rolle, in der sie den Unterricht gezielt steuern, damit die Schülerinnen und Schüler nicht allein gelassen werden.» Und bereits im Titel: «Experten fordern mehr Praktiker an den Pädagogischen Hochschulen».
Dann berichtet in der NZZ Robin Schwarzenbach von einer Begegnung mit Yasmine Bourgeois, die beim «Wendepunkt Bildung» aktiv ist und ebenso im Initiativkomitee der Förderklasseninitiative dabei war. Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm schildert in ihrer erfrischenden Art die heilende Wirkung der Beziehung zur Reallehrerin, die den ihr anvertrauten Jugendlichen die Wertschätzung entgegenbringt, die es braucht, um von der Erfahrung des Nichtkönnens auf den Weg des Lernens zu gelangen. In der Berufslehre wendet sich dann für viele früher entmutigte und zu wenig geförderte Jugendliche das Blatt: «Lernen erhält unmittelbaren Sinn, Leistung wird sichtbar, Erfolg konkret erlebbar.» Wussten Sie, dass 20 Prozent der Teilnehmer bei den SwissSkills ehemalige Realschüler sind? Letztlich steht eben oft nicht das «Etikett» Realschule im Vordergrund für die Zukunft des jungen Menschen, sondern die Begegnung mit einem Lehrer und / oder einer Ausbildnerin im Lehrbetrieb, die ihm den Weg zum Lernen eröffnen.
Schliesslich haben sich mehrere Leserinnen und Leser zu den aktuellen Bildungsfragen geäussert – der gesunde Menschenverstand bricht sich Bahn.
Nun ist mein Vorwort etwas lang geraten, trotzdem wünsche ich Ihnen viel Freude am Lesen unseres Newsletters.
Marianne Wüthrich

