Einstige Reformer verhindern dringende Reformen
Die Kritik an den gescheiterten Schulreformen wird immer lauter. Das schockierende Deutschdebakel, der endlose Frühfranzösisch-Leerlauf, die überzogene Integration und die Überfülle des Lehrplans sind Dauerthemen in den Bildungsdiskussionen. Wer nicht eine rosa Brille aufgesetzt hat, kommt unweigerlich zum Schluss, dass es für den Volksschul-Supertanker eine deutliche Kursänderung braucht, um die versprochenen Bildungsziele zu erreichen.
Offenbar scheint auf der EDK-Kommandobrücke Uneinigkeit über den Ernst der Lage zu bestehen. Die einen vermuten, dass der Kurs falsch ist. Die Mehrheit der Crewmitglieder glaubt aber noch immer, man sei nur unwesentlich vom Ziel abgekommen. In dieser Situation hat man sich verständigt, vorerst den bisherigen Kurs beizubehalten und die Passagiere zu informieren, dass trotz eines stärkeren Wellengangs alles nach Plan verlaufe.
Trotz negativer Evaluationsresultate wird am falschen Kurs festgehalten
Es ist absolut unverständlich, dass die Reformer von einst sich den unerfreulichen Tatsachen nicht stellen wollen. Die EDK und kantonale Bildungsdirektionen haben zwar wie versprochen einige wichtige Evaluationen durchgeführt und ausgewertet. Deshalb müsste man eigentlich voll im Bild sein, dass vieles schiefläuft. Doch klare Antworten der Bildungs-Steuerleute auf die schlechten Ergebnisse bleiben aus. Statt den falschen Kurs endlich zu korrigieren, wird abgewiegelt oder einfach geschwiegen. Beim Frühfranzösisch wird weitergewurstelt, die Integration wird zur heiligen Kuh erklärt und beim Deutschdebakel herrscht Ratlosigkeit über die zu treffenden Konzeptänderungen. Von einer überzeugenden Führung des Bildungsschiffs in bedrohlicher Lage kann keine Rede mehr sein. Die umtriebigen Reformer von einst sind zu mutlosen Verkündern von unsinnigen Durchhalteparolen geworden.
Diese Grundhaltung kommt beim Grossteil der Lehrerschaft gar nicht gut an. Man fühlt sich im Stich gelassen. Es erstaunt deshalb nicht, dass der steigende Druck, die Volksschule zu entschlacken und ihr einen überzeugenderen Auftrag als bisher zu geben, von praxisnahen Schulkritikern kommt. Der jüngste Auftritt einer Gruppe von acht namhaften Bildungsfachleuten mit starkem Bezug zur Schulpraxis lässt nun aber aufhorchen. Was diese kämpferische Gruppierung mit dem Namen «Wendepunkt Bildung» fordert, geht weit über die bisherige, eher sanfte Bildungskritik hinaus. Mit klaren Vorstellungen über eine innere Schulreform, getragen von gut begründeten pädagogischen Wahrheiten, hat die Gruppe die öffentliche Diskussion angefacht.
Für «Wendepunkt Bildung» ist die Wirksamkeit von Reformen entscheidend
Die Reaktionen in der Presse waren teils heftig und führten zu unterschiedlichen Interpretationen des nachgewiesenen Leistungs-Sinkflugs der Volksschule. Offensichtlich haben die acht Kritiker mehr als nur einen wunden Punkt getroffen. Am meisten zu reden gab die Lehrerbildung an den Pädagogischen Hochschulen. Zu viel praxisferner Ballast, zu wenig Nähe zur Volksschule und eine schwache Fachdidaktik in vielen Bereichen, all das wurde in fast allen Kommentaren als Herausforderung erkannt. Andere Pressekommentare blieben auf der Linie der offiziellen Bildungspolitik oder warfen den Kritikern ein «Zurück zur alten Schule» vor.
Von einem Zurückdrehen des Rads der Zeit kann bei den acht Kritikern allerdings keine Rede sein. Ihr Ansatz im pädagogischen Denken ist ein ganz anderer. Es geht ihnen um die Wirksamkeit pädagogischer Konzepte im Schulalltag und nicht um ideologische Schönfärbereien. Die Frage, welche Lernkonzepte bei den Kindern und Jugendlichen einen nachhaltigen Bildungsprozess auslösen, ist für sie vorrangig. Reformen, die sich als erfolgreich erwiesen haben, sollen weiterentwickelt werden. Gescheiterte Projekte hingegen sind zu stoppen und nicht jahrelang durch immer neue Geldspritzen weiterzuführen.
Das Vorwort unseres Newsletters ist diesmal bewusst kürzer gehalten, da Sie in den ersten Beiträgen eine Fülle an Informationen und Kommentaren zum spannenden bildungspolitischen Geschehen der letzten Tage finden. Daneben haben wir wie üblich weitere Texte zu Bildungsfragen für Sie zusammengestellt. Nicht vergessen möchten wir den Hinweis auf die von uns ausgewählten ausgezeichneten Leserbriefe. Was diese kurzen Texte an anschaulichen Aussagen zu zentralen Schulfragen enthalten, lässt deren Lektüre zum Genuss werden.
Hanspeter Amstutz

