Eine taugliche Lehrerbildung ist keine «Mission impossible»
Es sei eine «Mission impossible», dass die Studenten an der Pädagogischen Hochschule das lernen, was sie für den Lehrerberuf brauchen, meint Thomas Minder, Präsident des Schweizer Schulleiterverbands: «Die Lehrerinnen und Lehrer sollten gut sein in Mathematik, müssen Sprachen können, Informatik beherrschen, ihren Aufgaben sozial und emotional gewachsen sowie kommunikativ sein und vieles mehr.» Eine unlösbare Aufgabe? In Wirklichkeit nennt Schulleiter Minder hier nichts anderes als die unverzichtbaren Fähigkeiten einer Volksschullehrerin. Auftrag der PH ist es, den jungen Leuten das erforderliche fachliche Rüstzeug zu vermitteln und sie mit pädagogisch-praktischer Anleitung durch erfahrene Lehrer in den anspruchsvollen Berufsalltag einzuführen.
PH in der Pflicht
In seinem beachtenswerten Interview nimmt der scheidende Nidwaldner Bildungsdirektor Res Schmid die Pädagogischen Hochschulen mit deutlichen Worten in die Pflicht: «Viele Pädagogik-Dozenten haben nie in der Volksschule unterrichtet. Ihnen fehlt der Praxisbezug. Das wirkt sich auf die Ausbildung aus. Der entscheidende Lerneffekt findet im Unterricht statt, nicht im Seminarraum.» Leider ist dies nichts Neues, deshalb umso dringender, dass Res Schmid und viele andere Kenner der Schweizer Volksschule eine praxistaugliche Lehrerausbildung einfordern.
Thomas Minder dagegen verlangt lediglich eine Verlängerung der Studienzeit von drei auf vier Jahre. Das ist sicher ein Anfang, aber mit einem Masterabschluss ist es nicht getan. Um pädagogisch standfeste und menschlich-sozial feinfühlige Persönlichkeiten zu werden, brauchen Berufsanfänger entsprechende Vorbilder. Wie froh war ich in meiner ersten Zeit im Klassenzimmer um die fachliche und menschliche Anleitung und Korrektur durch meine erfahrenen Ausbildner und Berufskollegen. Nur in einem Punkt widerspreche ich Res Schmid: Der Lerneffekt findet auch im Seminarraum statt, wo wir Anfänger von der erprobten Fachdidaktikerin erfuhren, wie wir unserer Klasse den Lernstoff näherbringen können.
Wesentlich ist aber Schmids Aufforderung an die Politik, das Heft in die Hand zu nehmen und die Schulentwicklung nicht mehr länger den PHs zu überlassen. Denn der Kern der Schule habe sich nicht verändert: das Lehrer-Schüler-Verhältnis als zentrales Element, die notwendige Stärkung der Grundkompetenzen, Zeit zum Üben und Trainieren. Dies nur einige Ausschnitte aus der reichen Erfahrung des Nidwaldner Bildungsdirektors.
Zur Ideologisierung der PHs, die Res Schmid ebenfalls kritisiert, finden Sie in unserer Textsammlung ein skandalöses Beispiel zur Sexualerziehung in einer Toggenburger Primarschule. Solchen Auswüchsen wollen Lehrer und Eltern im Kanton Zürich mit einer Volksinitiative begegnen, die nächstens lanciert werden soll.
Steter Tropfen höhlt den Stein
Einige der von Res Schmid thematisierten Probleme der Volksschule, die auch in unserem Newsletter immer wieder aufgegriffen werden, kommen heute erfreulicherweise in verschiedenen kantonalen Parlamenten an. Der Thurgauer Kantonsrat hat anfangs April in einem zweiten Anlauf (nach neun Jahren) beschlossen, den Französischunterricht auf die Oberstufe zu verschieben, mit der Bemerkung eines Motionärs: «Der Zusammenhalt der Schweiz hängt nicht an vier Lektionen Frühfranzösisch in der Mittelstufe, die Willensnation gab es auch schon vor dem Frühfranzösisch.»
Derweil beantragt die Bildungskommission des Zürcher Kantonsrats, der regierungsrätlichen Umsetzung der Förderklasseninitiative zuzustimmen. Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten sollen künftig wieder in speziellen Klassen unterrichtet werden können, mit dem Ziel, anschliessend wieder in die Regelklassen zurückzukehren. Nachdem der Kantonsrat sich bereits vor einiger Zeit deutlich für die Möglichkeit der Wiedereinführung von Förderklassen in den Gemeinden ausgesprochen hat, ist es aus demokratischer Sicht schon etwas befremdlich, dass die SP-Fraktion die Vorlage als «unnötig» ablehnt.
Verschiedene Salzkörner
In unserer Textsammlung finden Sie zudem mehrere originelle und anregende Texte zu verschiedenen Themen. Das «Salzkorn» aus dem St. Galler Tagblatt etwa zur ungeschönten Realität der integrativen Schule. Weiter ein feinsinniger Essay von Allan Guggenbühl zur «Kraft der Imagination», die – wenn denn Zeit und Raum dafür wäre in unseren Schulklassen – den gigantischen sozalpädagogischen Apparat vermutlich ziemlich verkleinern würde. Schliesslich ein Kommentar von Mario Andreotti zur um sich greifenden «Leichten Sprache». Der Autor legt einleuchtend dar, dass sie nicht nur zur Verarmung unserer Sprache führt, sondern auch zu einer problematischen Zweiteilung unserer Gesellschaft in «sprachlich Gebildete» und «Sprachbehinderte». Andreotti plädiert für verständliche Texte aus Amtsstuben sowie für die Rückbesinnung auf das Kerngeschäft der Schule, das Lesen- und Schreibenlernen.
Privatschule – oder wieder öffentliche Schule für alle?
Es schleckt‘s kei Geiss weg: In den integrativen Schulklassen mit einem häufigen, der Konzentration abträglichen Lärmpegel und mit selbstorganisiertem Lernen anstelle von Klassenunterricht bleiben viele Kinder auf der Strecke. Die Berichte aus verschiedenen privaten Primarschulen klingen plausibel: Besonders Kinder, die im allgemeinen Wirbel untergegangen sind, erholen sich hier, weil eine Lehrerin Zeit für sie hat, ihre schulischen Stärken und Schwächen erfasst und ihnen hilft, Hürden zu überwinden. Psychologe Matthias Obrist beklagt, dass heute vermehrt ruhige Mädchen in die Privatschule wechseln: «Wir brauchen diese Kinder.» Auch erinnert er daran, dass sich nicht alle eine Privatschule leisten können. Trotzdem bleibt Obrist aber dabei: «Die Integration ist keineswegs gescheitert, wie immer wieder behauptet wird.»
Ja, natürlich brauchen die öffentlichen Schulen auch die ruhigen, fleissigen Mädchen, die oft auch im sozialen Miteinander eine positive Rolle einnehmen. Und ja, natürlich ist es unfair, dass nicht jedes Kind eine adäquate Lernsituation bekommt, weil seine Eltern sich das Schulgeld nicht leisten können. Deshalb, und nur deshalb, ist die Einführung von Förderklassen wünschenswert. Nicht um die «schwierigen» oder «lauten» Kinder «auszugrenzen», sondern um für möglichst jedes Kind eine Lernsituation zu schaffen, wo es eine Chance hat, seinen persönlichen Weg zum Lernen und zur seelischen Stärkung zu finden. Das ist Chancengleichheit. Ob alle Kinder im selben Schulzimmer sitzen, ist für das einzelne weniger wichtig als dass Zeit und Raum dafür da ist, damit es seiner Persönlichkeit entsprechend gefördert werden kann.
Wir wünschen viel Freude beim Lesen.
Marianne Wüthrich

