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Newsletter vom 22. Februar 2026

«Die entscheidende Frage ist nicht, wie modern die Schule ist, sondern wie bildungswirksam»

«Die entscheidende Frage ist nicht, wie modern die Schule ist, sondern wie bildungswirksam»

Unter dieser pädagogisch essentiellen Prämisse von Carl Bossard lassen sich sämtliche Texte unserer Sammlung erfassen.

Motivierter dank Lern-Apps?

KI und Lern-Apps wie Anton sind zweifellos modern – aber sind sie auch lernwirksam?

Können KI-Systeme die Ressourcenknappheit, sprich die fehlenden Lehrkräfte in allzu heterogenen Klassen lösen? Nein, hält der Autor fest, Technik allein löst keine pädagogischen Probleme. Der pädagogische Kernauftrag besteht darin, Kinder fachlich, sozial und personal zu bilden, das kann kein digitales Programm leisten, sondern nur die fachlich gebildete und menschlich fähige Lehrerpersönlichkeit. Lern-Apps wie Anton sind vielleicht geeignet, Kinder zu motivieren, einen Einsatz zu leisten, um Spielgewinne zu erzielen. Aber nachhaltiges Lernen geht anders. Am besten bleiben Lerninhalte haften, wenn sie in der Beziehung zu einem Lehrer erworben und mit bereits Gelerntem und Erlebtem verknüpft werden können. Auch Üben und Festigen sind heisse Tipps – das ist vielleicht nicht so «modern», aber wirksam.

Vor lauter Motivieren durch Lern-Games und KI-Programme dürfen wir nicht vergessen: Lernen darf natürlich auch Spass machen, aber es kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Ja, es muss anstrengend sein. «Wer sein Gehirn nicht fordert», schreibt Gioia da Silva («Mehr Schaden als Hilfe»), «der wird sich in der Tendenz auch seltener an die erlernten Inhalte erinnern. Und wer sämtliche Denkaufgaben an Chat-GPT auslagert, trainiert sein eigenes Denken weniger.» Damit wird einmal mehr bestätigt: Digitale Geräte und Software sollten nur als Hilfsmittel eingesetzt werden, dort wo es sinnvoll ist, und vor allem nicht zu früh. Dafür wieder mehr lesen mit den Schülern und den Schulstoff im Klassenunterricht besprechen – es hat sich erfreulicherweise bei vielen Lehrkräften herumgesprochen, dass das «mehr bringt», das heisst, dass es oft bildungswirksamer ist als das Abarbeiten von Software-Programmen. Und nicht vergessen: Was Kinder und Jugendliche an erster Stelle zum Lernen motiviert, sind nicht bunte Emojs und digitale Lobsprüche, sondern die Beziehung zum Lehrer, seine Ermutigung und seine klaren Rückmeldungen.

Weg von den Noten?

Eine solche klare Rückmeldung sind zum Beispiel Noten. Natürlich genügt dies allein nicht, und natürlich können sie subjektiv gefärbt sein. Aber das gilt auch für andere Formen der Rückmeldungen (zum Beispiel schriftliches oder mündliches Feedback). Ein Lehrer, der seine Schüler im Auge hat, kennt neben Noten viele andere Möglichkeiten, ihnen ein Echo zu geben. Manchmal genügt ein Zunicken oder ein ermutigendes oder wertschätzendes Wort. Sinnvoll sind auch konkrete Anleitungen. Ich erinnere mich an das Aufsatzheft meines fremdsprachigen und entmutigten Nachbarskinds (sechste Klasse), mit dem ich früher in Zürich gelernt habe. Sie hatte munter drauflosgeschrieben, ohne Ziel und Aufbau, mit vielen, vielen Fehlern in Satzbau, Wortwahl, Grammatik und Rechtschreibung (sogenanntes freies Erzählen). Kommentar der Lehrerin unten auf der Seite: Gut! Ich bemerkte: Du, aber die Fehler hat sie nicht korrigiert. Natascha: Hat es denn Fehler? In sechs Schuljahren hatte sie nur sehr mangelhaft Deutsch gelernt und konnte zudem den eigenen Lernstand in keiner Weise einschätzen. Als sie dann in die Sek B eingeteilt wurde, waren sie und ihre Eltern schockiert. Die Lehrerin hatte es unterlassen, der Schülerin adäquate Rückmeldungen zu geben und sie anzuleiten, um ihr echte Lernfortschritte zu ermöglichen. Da hilft es nichts, ein sogenannt ermutigendes «Gut» unter den Text zu schreiben und auf Noten zu verzichten. Aufgabe der Schule ist es, mit der Klasse die Grundlagen zu erarbeiten und den einzelnen Kindern die Gelegenheit zu geben, ihre Defizite zu korrigieren.

Das im Artikel «Weg von den Noten» erwähnte «Ampelsystem», das Fortschritte statt der absoluten Leistung misst, hat ein Stück weit vielleicht seine Berechtigung. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht einer vermeintlichen Chancengerechtigkeit aufsitzen: Wenn jedes Kind sein individuelles Lernprogramm hat und wir nur seine eigenen Lernfortschritte bewerten, ohne den Vergleich innerhalb der Klasse einzubeziehen, hat in Wirklichkeit nicht jedes die gleichen Chancen, sondern viele werden auf ihrem schwachen Stand stehengelassen. «Irgendeinmal kommt die Stunde der Wahrheit so oder so», schreibt Vera Diaz in ihrem Leserbrief. Und weiter: «Entscheidend ist vielmehr, dass man den Kindern verständnisvoll hilft und zeigt, wie auch Misserfolge verkraftet werden können. Damit erweist man ihnen den besten Dienst für eine erfolgreiche Zukunft.»

Vorschläge der SVP sind so neu nicht

Der Tages-Anzeiger zu den neuesten Vorschlägen der SVP: «Wäre die Schule nach den Vorstellungen der SVP gestaltet, wäre sie wieder wie früher. Die Kinder würden sich aufs Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren. Sie würden Gedichte auswendig lernen, Diktate schreiben, das kleine und grosse Einmaleins beherrschen. Und: Die Kinder würden bei Schuleintritt alle in einer Landessprache reden können, sie hätten nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule, sie hätten weniger Gspänli mit besonderem Förderbedarf in der Klasse und auch weniger Mitschülerinnen und Mitschüler mit Migrationshintergrund.»

Ich muss zugeben, dass ich wenig Einwände gegen ein solches Konzept habe. Wer kann ernsthaft etwas dagegen haben, dass die Kinder in der Volksschule wieder die schulischen Grundlagen lernen und dass sie möglichst gut Deutsch verstehen, wenn sie in die Schule kommen? Nur beim letzten Punkt, einer Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund, gebe ich dem LCH-Vertreter recht. Es wäre nicht nur zu teuer, die fremdsprachigen Kinder mit Schulbussen aus der Stadt aufs Land zu fahren und sie dort zu beschulen, sondern würde auch ihrem Bedürfnis widersprechen, in ihrem Lebensumfeld und mit ihren Gspänli in die Schule zu gehen. Ausserdem ist der Migrationshintergrund kein taugliches Kriterium. Es gibt fremdsprachige Kinder, die ausgesprochen lernfähig und –willig sind und den Anschluss an ihre gleichaltrigen Mitschüler ohne grosse Mühe finden.

Die restlichen Forderungen sind es jedoch wert, in Betracht gezogen zu werden, auch wenn sie allesamt keine Erfindung der SVP sind. Das beinhaltet eine grundsätzliche Revision der Lehrpläne. Damit wäre die Schule «wieder wie früher», kritisiert die Tagi-Redaktorin. Um Carl Bossards Aussage aufzugreifen, sie wäre nicht «modern», dafür bildungswirksam. Die Projekte Förderklassen und Verschiebung einer Fremdsprache auf die Oberstufe liegen ja längst auf den Tischen der kantonalen Bildungsdirektionen oder sind mancherorts bereits umgesetzt.

Deutsch-Vorbereitungsklassen für fremdsprachige Kinder

Wo die SVP auch bei ihren Kritikern auf offene Ohren stösst, ist die Notwendigkeit einer sogenannten sprachlichen Frühförderung. Allerdings stellen sich darunter nicht alle dasselbe vor.

Vorbereitungsklassen für Kinder, die zu wenig Deutsch verstehen, um dem Unterricht in der 1. Klasse der Regelklasse folgen zu können, halte ich für etwas sehr Sinnvolles. Das ist jedoch etwas ganz anderes als das im Tagi-Artikel erwähnte Basler Konzept für Dreijährige, die ein paarmal pro Woche an einer deutschsprachigen Spielgruppe teilnehmen. Im Kanton Zürich ist laut Schulgesetz schon heute der Unterricht in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) auch in einer vollzeitlichen Aufnahmeklasse möglich. Das wäre für viele Kinder sicher sinnvoller als das übliche Hin und Her zwischen DaZ und Regelklasse, vor allem am Beginn ihrer Schulzeit (1. Klasse). In einer DaZ-Vollzeitklasse könnten die Kinder, ähnlich wie in einer Förderklasse, ein oder zwei Semester lang einige Grundlagen in der deutschen Sprache erwerben und anschliessend in der Regelklasse besser den Anschluss finden. Auch hier gilt die Devise: «Die entscheidende Frage ist nicht, wie modern die Schule ist, sondern wie bildungswirksam».

Nun wünsche ich Ihnen viel Freude mit unserer abwechslungsreichen Textsammlung.

Marianne Wüthrich