Konzentration aufs Wesentliche als Herausforderung für die Schule
Wir begrüssen alle Leserinnen und Leser zum Neuen Jahr 2026 und freuen uns auf den weiteren Austausch mit Ihnen, gerne als Echo auf unseren Newsletter oder vielleicht auch persönlich an einem der nächsten Vortrags- und Diskussionsabende des Vereins Starke Volksschule Zürich.
Zum Einstieg können wir Ihnen zwei Grundsatzartikel anbieten, die alle anderen in unserer Textsammlung aufgeworfenen Fragen sozusagen miteinbeziehen: ein Interview mit Carl Bossard und den eindringlichen Aufruf «Hände weg vom digitalen Schnuller» der NZZ-Journalistin Inna Hartwich an Eltern und Pädagogen.
Kernauftrag der Volksschule: Aufbau eines tragfähigen Fundaments
Carl Bossard hebt in seinem Gespräch mit René Scheu hervor, dass ein Kind sein Lernen nicht «selbstorientiert» gestalten kann, sondern ein Gegenüber braucht, Erwachsene, die es in die Welt und zu sich selbst führen. Der Autor erinnert die Volksschule an ihre eigentliche Aufgabe, nämlich den Kindern ein Fundament an Grundkenntnissen, Grundfertigkeiten und Grundhaltungen mitzugeben, um sie zu einem Leben als autonome Persönlichkeiten mit sozialer Verantwortung zu befähigen. Kein Kind, auch nicht das aufgeweckteste, kann die Aufgaben, die das Leben an uns stellt, allein bewältigen, weil dies nicht der sozialen Natur des Menschen entspricht.
Aus diesem Kern heraus ergeben sich alle anderen Antworten von Carl Bossard auf die Fragen des Interviewers. Zum Beispiel dass kein «Coach» eine Pädagogin ersetzen kann, die erfasst, was der einzelne Schüler braucht, um Mut zum Lernen zu schöpfen oder seine Fähigkeiten erspriesslich einzusetzen. Oder dass der Lehrplan 21 nicht für die Schule taugt, weil er das Lernen auf messbare Teilaspekte reduziert und den Blick für das Wesentliche vermissen lässt. Aus pädagogischer Sicht hält der Autor die Schaffung von Förderklassen und die Verschiebung des Fremdsprachenunterrichts auf die Oberstufe für unabdingbar.
Eine andere zentrale Aussage von Carl Bossard: Leistung und Menschlichkeit müssen nicht in Widerspruch zueinander stehen, sondern sollten beide Teil der humanen Bildung zum selbständigen und verantwortungsvollen Mitmenschen sein. Bossards Ausführungen münden in einen dringend nötigen Mahnruf an die pädagogischen Hochschulen: «Es stellt sich die Frage, ob (in der Lehrerbildung) pädagogisches Handwerk, Unterrichtsführung und Persönlichkeitsbildung ausreichend gestärkt werden.»
Jedes fünfte Baby konsumiert bereits im ersten Lebensjahr digitale Medien!
Das ist leider keine Übertreibung, sondern das Ergebnis einer Studie, lesen wir in der NZZ. In einer weiteren Studie heisst es, fast jedes dritte Kind im Alter von vier oder fünf Jahren habe bereits ein eigenes Tablet! Dazu kommt, dass die Eltern oft selbst auf ihr Handy starren, statt mit dem Kind zu sprechen und auf seine Versuche einzugehen, in Kontakt mit dem Erwachsenen zu kommen. Auf eindrückliche Weise beschreibt die Journalistin Inna Hartwich, welche einschneidenden Auswirkungen dieser fatale Irrweg der heutigen Erziehung für das Gemüt und die Persönlichkeitsbildung des kleinen Kindes haben kann.
«Das Gerede, das Kind werde dadurch auf die digitale Welt vorbereitet, ist Quatsch. Das Kleinkind begreift durchs Greifen, es braucht Bewegung und echte Erfahrungen, das Lächeln und die Stimme der Eltern, eine sichere Bindung. Bis drei sollte es keinen Bildschirm nutzen», sagt Psychologe Frank Paulus. Bis drei? Sollten wir die Grenze nicht später ansetzen? Im Artikel wird darauf aufmerksam gemacht, dass der Teil des Grosshirns, der für wichtige Bereiche des menschlichen Empfindens und für die Fähigkeit zur Selbstkontrolle zuständig ist, erst mit rund 25 Jahren ausgereift ist. Wenn wir diese essentielle Tatsache miteinbeziehen, bestätigt sich die dringende Empfehlung zahlreicher Pädagogen und Naturwissenschafter, mit der digitalen Ausrüstung unserer Klassenzimmer erst in der Oberstufe zu beginnen und die IT-Geräte nur als Hilfsmittel einzusetzen. Daraus ergibt sich auch der Umgang der Lehrer mit KI in ihrem Klassenzimmer.
Bücher und Gespräche statt KI-Training im Klassenzimmer
«KI gehört als Pflichtstoff in den Lehrplan», titelte der Tagi zum Jahresschluss 2025. Denn dies gehöre zur «Lebensrealität» der Kinder. Weil manche Kinder ihre Ufzgi mit KI erledigen, müssten die Lehrer «neue Wege finden, ihnen Aufgaben zu geben. Solche, die der Bot nicht erledigen kann.» Der Lehrberuf müsse sich KI anpassen, tut LCH-Chefin Dagmar Rösler an anderer Stelle kund.
Vielleicht gar nicht so schlecht, wenn unsere Lehrkräfte «neue Wege finden», allerdings nicht indem KI als zusätzlicher Ballast in den Lehrplan gesetzt wird. «Medienkompetenz lässt sich integriert vermitteln», bemerkt Carl Bossard. Besser wäre es ohnehin, den Unterricht wieder mehr vom digitalen Hype weg und auf eine kindgemässe Entwicklung hin auszurichten. Dass unsere Kinder und Jugendlichen manche Antworten für die Lösung ihrer Hausaufgaben bei KI holen, können wir nicht verhindern. Aber in ihrem Schulzimmer kann die Lehrerin mit ihren Schülern Bücher lesen, ein Land im Atlas suchen, Texte auf Papier schreiben und im Gespräch überprüfen, ob sie ihre Aufgaben auch wirklich verstanden haben.
Das war auch schon vor dem Einzug von KI in die Köpfe unserer Kinder nötig. In einer meiner Berufsschulklassen haben die Schüler zum Beispiel im Staatskundeunterricht die politischen Parteien wunderschön mit Powerpoint präsentiert, die Inhalte hatten sie samt und sonders gegoogelt. Im Klassengespräch zeigte sich, dass die meisten nicht verstanden hatten, welchen Standpunkt die einzelnen Parteien zu den Staatsausgaben oder zur Familienpolitik einnehmen, und was sie zur Europapolitik des Bundesrates sagen. Die Vermittlung des Wissens durch den Lehrer und die inhaltliche Diskussion mit der Klasse können in der staatskundlichen Bildung – die in der direkten Demokratie unverzichtbar ist – durch keine Software und keine KI-Texte ersetzt werden. Dasselbe gilt auch für den Aufbau der Grundlagen in allen Fächern der Volksschule. Passen wir uns also den Herausforderungen der digitalen Welt an, indem wir unsere Kinder in die reale Welt einführen!
Auch Dagmar Rösler hat es endlich gemerkt…
…nämlich dass die «integrative Schule» oder das «inklusionsorientierte Schulsystem» oder wie immer sie das Ding nennen will, vielleicht doch nicht so ganz das Gelbe vom Ei ist. Eine Umfrage bei den Lehrerinnen und Lehrern des LCH will sie im neuen Jahr machen – so weit so gut. Die beiden Leserbriefschreiber in unserer Textsammlung nehmen den Meinungsumschwung von Frau Rösler nach jahrelanger beharrlicher Leugnung irgendwelcher Probleme im integrativen Unterricht mit kritischer Aufmerksamkeit zur Kenntnis. Recht haben sie: Umfragen kann man durch entsprechende Formulierung der Fragen bekanntlich auch in die gewünschte Richtung zu steuern versuchen. Zum Beispiel indem man die untauglichen Lerninseln in ein leuchtendes Licht und die Förderklassen in den Schatten stellt. Hoffen wir, dass die Befragung der Schweizer Lehrerschaft nicht so tendenziös daherkommt, aber wir werden unser wachsames Auge darauf haben.
Nun wünsche ich Ihnen eine unterhaltsame Lektüre!
Marianne Wüthrich

